Kurzinfo
Erster Präsident der Dritten Französischen Republik, Historiker und Staatsmann.
Gesprächseinstiege
Lebensweg
Louis Adolphe Thiers wurde am 15. April 1797 in Marseille in einer bescheidenen Familie geboren. Sein Vater war ein Schlosser, der bessere Zeiten erlebt hatte. Der junge Adolphe sollte der provinziellen Bedeutungslosigkeit durch Bildung und Ehrgeiz entkommen.
Er begann sein Jurastudium in Aix-en-Provence, wo er sich mit dem späteren Historiker François Mignet anfreundete. Gemeinsam sollten sie in Paris als liberale Journalisten und Historiker Karriere machen.
Er kam nach Paris, um Journalismus und Politik zu verfolgen. Seine kleine Statur (kaum einsfünfzig) und sein provinzieller Akzent kennzeichneten ihn als Außenseiter, aber seine Intelligenz und sein Ehrgeiz sollten alle Hindernisse überwinden.
Er begann mit der Veröffentlichung seiner monumentalen 'Geschichte der Französischen Revolution', die ihm Ruhm und Reichtum brachte. Das zehnbändige Werk etablierte ihn als Frankreichs führenden Historiker und öffnete ihm Türen zu politischen Kreisen.
Er spielte eine Schlüsselrolle in der Julirevolution, die Karl X. stürzte. Er half, die Proklamation zu verfassen, die Louis-Philippe den Thron anbot. Seine Belohnung war der Eintritt in die inneren Machtzirkel.
Er trat als Innenminister unter der Julimonarchie ins Kabinett ein. Mit fünfunddreißig Jahren regierte der Sohn eines provinziellen Schlossers Frankreich. Seine Energie und Kompetenz waren unbestreitbar.
Er wurde im Alter von neununddreißig Jahren zum ersten Mal Premierminister. Seine Amtszeit war kurz, etablierte ihn aber als bedeutende politische Figur. Er sollte noch zweimal an die Macht zurückkehren.
Zweite Amtszeit als Premierminister während der Orientkrise. Seine aggressive Außenpolitik führte beinahe zum Krieg mit Großbritannien. Louis-Philippe entließ ihn, was Jahre der Opposition einleitete.
Er begann sein gewaltiges Werk 'Geschichte des Konsulats und des Kaiserreichs', eine zwanzigbändige Studie über Napoleon. Das Werk nahm Jahrzehnte in Anspruch und festigte seinen Ruf als Frankreichs größter lebender Historiker.
Er wurde Zeuge der Februarrevolution, die Louis-Philippe stürzte. Zunächst unterstützte er die Republik, dann Louis-Napoleon Bonaparte, den er als 'Kretin' abtat, den er kontrollieren könnte. Er irrte sich.
Er wurde nach Napoleon III. Staatsstreich kurzzeitig ins Exil geschickt. Der Mann, dem er zur Macht verholfen hatte, sperrte ihn nun ein. Thiers verbrachte Monate im Ausland, bevor er zurückkehren durfte, geläutert aber ungebrochen.
Er kehrte als Abgeordneter in die aktive Politik zurück und wurde zur führenden Stimme der liberalen Opposition gegen Napoleon III. Seine Reden gegen das mexikanische Abenteuer und die preußische Bedrohung erwiesen sich als prophetisch.
Er reiste verzweifelt durch Europa auf der Suche nach Verbündeten, während Frankreich vor Preußen zusammenbrach. Seine Warnungen vor der preußischen Macht waren ignoriert worden. Nun konnte er nur noch versuchen zu retten, was übrig blieb.
Er wurde von der in Bordeaux tagenden Nationalversammlung zum Chef der Exekutivgewalt gewählt. Mit vierundsiebzig Jahren wurde der Historiker zum Führer einer besiegten, besetzten Nation. Seine Aufgabe: Frieden schließen und Ordnung wiederherstellen.
Er ordnete die militärische Niederschlagung der Pariser Kommune während der 'Blutigen Woche' (21.-28. Mai 1871) an. Regierungstruppen töteten geschätzte 20.000-30.000 Kommunarden. Thiers verteidigte die Aktion als notwendig für die Zivilisation.
Er wurde im August 1871 der erste Präsident der Dritten Republik. Seine Aufgabe war es, die Kriegsentschädigung zu zahlen, die deutschen Truppen abzuziehen und eine stabile Regierung zu etablieren. Die ersten beiden Aufgaben erfüllte er brillant.
Er wurde zum Rücktritt als Präsident gezwungen, als monarchistische Abgeordnete ihre Unterstützung entzogen. Seine Erklärung, dass 'die Republik konservativ sein wird oder sie wird nicht sein', befriedigte jene nicht, die überhaupt keine Republik wollten.
Er starb am 3. September 1877, bis zum Ende politisch aktiv. Seine Beerdigung war ein nationales Ereignis. Der Historiker der Revolution war selbst zu Geschichte geworden, sein Vermächtnis für immer mit dem Blut der Kommune verbunden.
